Die Muse ist zurück...

07.11.2015 00:45

 

Über persönliche Ansprüche und innere Werte 

Wer bei diesen Worten schon dem Brechreiz nahe sein sollte, beendet am Besten das Lesen hier. Es wird nämlich nicht besser. Versprochen. 

Vor längerer Zeit kam mal wieder das leidige Thema der "eventuell zu hohen Ansprüche" auf. So richtig verstanden habe ich diese Aussage ja noch nie. Kann man tatsächlich zu hohe Ansprüche haben? Und wenn ja, wann fängt das "zu hoch" an? Und wer definiert das eigentlich? Angenommen (und rein fiktiv), es käme jemand auf die Idee, zu sagen "Mein Partner muss 35 Jahre alt, 1,83 m groß, 78 kg schwer, Akademiker  sein, ein was-weiß-ich-Auto fahren, ein Hundetyp mit 2-fachem Kinderwunsch, katholischem Glaube, ... sein....", dann würde ich vermutlich auch sagen, "Joa, ich denk, mit den Ansprüchen wirst du wohl allein sterben...". Aber mal abgesehen davon, dass ich niemanden kenne, auf die solche Ansagen nur im Geringsten zutreffen, kann ich die Herkunft der "Zu-hohen-Ansprüche-Theorie" nicht verstehen. Ich vertrete ja die Ansicht, dass diese Aussage lediglich ein kläglicher Versuch dessen ist, sich irgendetwas zu erklären. In dem Fall, warum ein Mensch längere Zeit Single ist. Mal abgesehen davon, dass ich diese Tatsache nicht als Strafe anseh, beschäftigt mich das "Warum" äußerst wenig bis gar nicht. Die Gedankengänge sind lediglich der Konfrontation bzw. der Diskussionen darüber geschuldet. 

Der Mensch an sich neigt ja dazu, sich alles erklären, benennen, begreifen zu wollen. Gelingt dies mal nicht, werden wilde Theorien aufgestellt, die einigermaßen nachvollziehbar sind und oft auch vernichtend klingen. Hinterfragt man diese Theorien jedoch, kommen oftmals - welch Überraschung - nicht haltbare "Fakten" zu Tage. Außerdem ist die Menschheit dazu geneigt, in Schubladen zu denken und zu urteilen. So sehr man sich manchmal auch vornehmen mag, vorurteilsfreier an Personen und Dinge ran zu gehen, ist es unglaublich schwer bzw. nahezu unmöglich, völlig losgelöst und vorurteilsfrei zu agieren. Ob in der Arbeitswelt, im Freundeskreis, in alltäglichen Situationen oder gar bei der Partnerwahl - kaum begegnet man einem "neuen" Menschen, ist das Urteil auch schon gefällt. Laut Wissenschaft geschieht dies bereits innerhalb Sekundenbruchteilen. Eine Größenordnung, die für mich alles andere als greifbar scheint. Prinzipiell ist das nicht das Schlechteste, zumal dies in einer gewissen Art und Weise überlebensnotwendig ist. Schließlich ist es ungemein wichtig, zu wissen, ob jemand aggressiv bzw. hinterhältig ist oder ob die Person einem wohlgesonnen gegenübertritt. Ein Hoch auf die Amygdala...

Nun will ich hier aber auf etwas ganz anderes raus. Es fasziniert mich immer wieder, wie man das Gegenüber einschätzt bzw. wie man selbst eingeschätzt wird. Man sieht jemanden und vervollständigt das "Bild" dieser Person ganz automatisch. Man schließt auf Charakterzüge und Eigenschaften und komplettiert somit einen Menschen in seiner vollen Pracht als "wahre" Persönlichkeit. Dass diese Person  von einem selbst Frankenstein-ähnlich zusammen gebastelt wurde, rückt in den Hintergrund und bevor man das realsiert hat, geht oftmals die Schublade mit dieser Phantasie-Figur auch schon wieder zu, sodass eine Änderung der Sicht auf das wahre Wesen teilweise nahezu unmöglich erscheint. 

Nun hab ich persönlich eine sehr interessante und für mich auch einzigartige Erfahrung gemacht, die dem oben beschriebenen absolut konträr entgegen steht. Jemandem zu begegnen, dem man nicht wirklich physisch gegnübertritt, kann einem eine völlig andere Sichtweise aufzeigen und einem bewusst machen wie oberflächlich - Schubladen-gesteuert - man doch meistens denkt und empfindet. Zugegeben, es kann schon etwas strange sein, wenn man "nur" eine Möglichkeit der Fokusierung bekommt. Daran "gewöhnt" man sich überraschenderweise aber recht schnell und es gibt kaum etwas Reizvolleres und Schöneres als Dinge subjektiv zu betrachten - jedenfalls in Bezug auf Menschen. Man konzentriert sich plötzlich auf das Wesentliche und auf die - Vorsicht, Brechreizgefahr...! - inneren Werte. Ich weiß schon, dass auch andere Faktoren objektiver Natur dazu gehören. Aber mal im Ernst, was gibt es Großartigeres, als zu wissen und zu spüren, dass man nahezu völlig unvoreingenommen an jemanden "ran geht"! 

Falls sich jetzt jemand fragt, was das Ganze eigentlich soll - mich hat dieses Erlebnis dazu inspiriert, einfach mal auf etwas zwar völlig Bekanntes, aber eben auch immer wieder Vergessenes aufmerksam zu machen. Wie man es dreht und wendet, damit etwas freundschaftlich oder in einer Partnerschaft Bestand hat, müssen die inneren Werte einfach passen und kompatibel sein. Am Ende verblasst jedes Gesicht, jede Gestalt, aber das tatsächliche (zunächst "unsichtbare") Wesen dahinter, welches man nur wahrnimmt, wenn man tatsächlich "hin schaut", das ist das, was  bleibt. Ich halte nichts von Kitsch, aber vielleicht sollte man Dingen manchmal einfach 'anders' begegnen statt wahllos an den Ansprüchen rum zu schrauben oder zu kritisieren. Hier droht nämlich meiner Meinung nach, lediglich der Verlust der Authentizität.

 

Von der  Liebe, Arrangements, Selbstzweifel und Selbstachtung

Einige wissen, dass bei mir vor ein paar Wochen ein neuer Lebensabschnitt  im beruflichen Bereich  begonnen hat. Nur einige wenige wissen, dass wiederum vor noch einigen Wochen mehr auch im privaten Bereich ein neuer Abschnitt begonnen hat. Es faszniert mich im Nachhinein betrachtet immer wieder, wie es einzelne Menschen schaffen, Selbstzweifel in einem anderen Menschen zu bewirken. Selbstachtung findet man in solchen Zeiten nur noch im Duden und die Arrangements, von denen ich rede, haben nichts mit Blumen oder Wellness-Wochenenden zu tun.

Nicht enden wollende Kompromisse, bis auf ein Minium herunter geschraubte Ansprüche bis hin zur Selbstaufgabe. Wie ein schiffbrüchiges Wesen auf dem offenen Meer treibend, ohne jegliche Perspektive, orientierungslos. Letztlich in Selbstzweifel oder gar Selbstmitleid ertrinkend. Die letzte "Rettung" scheint nun noch mehr die Person zu sein, welche einen anfangs aus der Bahn geworfen hat. Ein Teufelskreis scheint geschaffen. Die Zurechnungsfähigkeit vom Umfeld bereits in Frage gestellt, verliert man nach der längst abhanden gekommenen rosa Brille nun auch noch den Blick für alles andere, für sich selbst. 

Warum macht der Mensch das (immer wieder), frag ich mich. Ist man tatsächlich so verblendet, verzweifelt oder gar gleichgültig, dass man Dinge hinnimmt, sich selbst verliert? Oder steckt in jedem von uns doch so etwas wie ein hoffnungsvoller Romantiker, der einfach danach strebt, der bzw. die eine Person für jemanden zu sein? Macht uns die tief verwurzelte Sehnsucht, jemand Besonderes sein und endlich ankommen zu wollen, zu Geiseln Dritter oder gar sich selbst?

Kürzlich meinte eine Person zu mir, dass sie sich das Gefühl der Zweisamkeit so lange gewünscht hatte und dass sie das nicht wieder so einfach hergeben möchte. Was mich an diesem Gespräch so irritierte, war die Traurigkeit, von welcher dieses  begleitet war. Die Person erzählte weiter, wie sehr sie sich zurücknahm, dass sie jegliches Wort, jede Whatsapp-Nachricht, jede Handlung des anderen auf die Goldwaage legt, sich zu Herzen nimmt, um ja nichts falsch zu machen. Ich erfuhr die unbefriedigten Wünsche, Sehnsüchte. Diese unglaubliche Sehnsucht nach einer Beziehung, scheint sich bei ihr wie eine Droge im gesamten Körper auszubreiten. Momentan gleicht es jedoch eher einem kalten Entzug, als einem berauschenden Trip. Den tatsächlichen Preis für dieses "Hauptsache jemanden an seiner Seite haben" scheint diese Person nicht zu realisieren. 

Verrückt, denke ich, wie klar einem diese verfahrene Situation erscheint. Und wie bekannt mir das doch vorkommt. Ist man jedoch selbst von diesem Hormon-Cocktail betäubt, lechzt man wie ein Junkie einfach nur nach mehr von diesem bittersüßen Teufelszeug. 

Gleichzeitig denke ich jedoch darüber nach, was das Leben ohne dieses sogenannte  "Teufelszeug" wäre. Ich kenne nichts, was vergleichbar teuflisch und zugleich überirdisch großartig ist wie dieses Gefühl. Ich durfte Menschen treffen, denen es gelungen ist, mir wieder Selbstachtung entgegen zu bringen. Einfach nur, indem sie so waren wie sie sind. Es gibt Dinge und Begegnungen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Fast so, als gäbe es Parallelwelten. Begegnungen, die sich nicht erklären lassen. Plötzlich hat man das Gefühl, einfach sein zu können, nicht darüber nachdenken zu müssen, was sein bzw. wie was ankommen könnte. Man fühlt sich vollständig, verstanden. Das sind, zugegeben, äußerst seltene Begegnungen, welche leider nicht jedem gegönnt sind. Beschreiben lässt sich das mit Worten sehr schwer, begreifen kaum, erklären gar nicht. Aber ich denke, das ist auch gar nicht nötig oder wichtig. Es ist meiner Meinung nach, alles andere als die Norm oder gar selbstverständlich. Es ist mit eines der größten Geschenke im Leben, die es gibt und mit welchem man sorgsam umgehen sollte. 

 

Nachtgedanken:

Ich hab kürzlich ein paar, wie ich finde, sehr schöne Gedankengänge aufgeschnappt. So viele Menschen leben nach dem Prinzip „tun, haben, sein“. Und zwar genau in der Reihenfolge. Sie tun bzw. arbeiten soviel, um sich Dinge zu leisten wie immer schnellere Autos, größere Häuser, um letzlich das Ansehen dafür zu genießen. Jemand zu sein.

Bricht jedoch einer dieser Parameter weg, über welche man sich definiert hat – Verlust des Jobs oder der materiellen Dinge - bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Und derjenige empfindet sich zwangsläufig als ein Nichts. 

Warum lebt man nicht nach dem selben Prinzip, nur einfach anders herum? „Sein, haben, tun“.

Wenn man jemand ist, sich über seine Persönlichkeit definiert, hat man doch schon so viel erreicht und ist in der Lage so Vieles zu tun. Bricht dann in dieser Konstellation mal das Unglück über einen herein, bleibt letztlich doch noch etwas. Man selbst. Und welch größeres Privileg gibt es...?!